Warum Amazon mir immer so langweilige Vorschläge macht

Eigentlich sind Tools zum Management der Netz-Persona eine Tolle Sache. Aber sie scheitern an einem Problem der konventionellen Welt: Mein Einkauf bei Amazon spiegelt wohl nur die Seite wieder, die ich auch nach außen kehre möchte. Ich verrate Amazon nur das Bewusste (das Schönbare!) – und dementsprechend kann Amazon auch nur auf mich reagieren.

Doch dabei erlernt Amazon nur eine Hälfte meiner Person, die Widersprüche, dunklen Ecken und nur notdürftig verdrängten Abgründe, die ansonsten ja Richtungszeiger bei vielen Entscheidungen oder bei Verhalten sind, erfährt das System höchstens in bis zur Wirkungslosigkeit kleinen Mengen. Sprich: Tools, die eine Netzpersona aufbauen, erleben einen enorm geschönten Felix – und zwar einen langweiligen.

Das ist theoretisch in der konventionellen Welt ebenso. Nur gibt es genug unfreiwillig herausgebrachte Hinweise auf das Unauffällige, auf das Versteckte, so dass im Dorf (Danke Moritz für das Beispiel) der unsichtbare Felix immer an seinen Fußabdrücken erkannt wird und er, wenn auch nicht verbalisiert oder bewusst gedacht wird, so doch in Tat zu Tage tritt.

Amazon sieht das aber nicht.

Google kann sich diesen versteckten Teil von mir jedoch denken. Meine Suchbegriffe, mein Surfverhalten, mein Sozialverhalten, aus all dem kann Google möglicherweise eine Netzpersona stricken, die meiner Repräsentanz in der konventionellen Welt viel ähnlicher ist als die Glitzerscherenschnitte dessen, was ich stets und aktiv preiszugeben gewillt bin.

Nur: Wenn Google jetzt Amazon einflüstert, was ich WIRKLICH (natürlich: „wirklich“) will, dann lehne ich den folgenden Vorschlag wahrscheinlich rundheraus ab. Vielleicht triggert er etwas, wahrscheinlich verstärkt er aber nur die Verdrängung. Google ist kein Therapeut. Amazon auch nicht. Und ich nur manchmal und dann ein schlechter.

Es fehlt also dem Netzpersona-Manager ein Therapeut, der mich erst in die Lage versetzt, die viel besseren Angebote, die mir Amazon machen könnte, wenn ich nicht so verklemmt wäre, wahrzunehmen.

Egal ob ich sie dann wahrnähme oder nicht: Mein innerstes ist dann nach außen gekehrt. Meine Netzpersona dann ein gleichgütiger Repräsentant meines Innenlebens.

Aber nur momentan. Sie muss gepflegt werden, aktualisiert und mit allen Eindrücken versorgt werden, die mich jederzeit verändern. Die Netzpersona ist nichts ohne Totalüberwachung.

Die Totalüberwachung wird die Menschen befreien! Erst von ihrer vermeintlichen Einzigartigkeit, dann von ihrem Körper, dann von Verlässlichkeiten oder Trägheiten. Die Totalüberwachung ermöglicht, was Doping und andere Drogen, Magersucht und Bodybuilding, Extremsportarten und kapitalistische Selbstausbeutung nicht hinbekommen: Die totale Hinwegsetzung über den Körper – das ist keine schwere Notwendigkeit, sondern dann, und deswegen so zauberhaft, eine Erleichterung. Der körperlichen Einfachheit ist computerisch schwer beizukommen – sie braucht es aber eh nicht mehr. Die Überwachung nimmt dann nur noch Bewegungen wahr. Bewegungen werden Vektoren werden Kräfte, die mit bestehenden Kräften unserer Netzpersona wechselwirken. Das Dreikörperproblem wird das einzige und wahre und große Problem sein, das es dann noch gibt. Und es wird uns sagen: Die Überwachung löst uns auf – aber die große Erklärung bedeutet das noch immer nicht. Man kann dann immer nur vom Status Quo wiederholend berechnen und hoffen, dass sich nichts bewegt. Aber es wird dann alles Bewegung sein, vielleicht nur Denken. Nur noch Differenz – eben, weil es reicht. Eine Kamera, ein Trackingtool sieht nur noch, was man NICHT („so“!) tut, sie/es beschreibt damit die Welt als alles, was anders ist. Nichts tun, anders tun, das ist dann Differenz ist interessant. Nicht anders als heute, aber das, was gesucht wird. Es wird Rebellen geben, die allein den Berechnungen folgen werden und dadurch unsichtbar werden. Sie geben ihr Leben, die Differenz auf, um – so verblendet werden sie sein – frei zu sein. Dabei ist die Freiheit der Überwachung, das was die Überwachung überhaupt nur sehen wird und vielleicht sogar kann, die totale Freiheit, nämlich.

Die totale Überwachung ist der Feind der Kontrolle. Überwachung braucht die Differenz – die Kontrolle vermeidet die Differenz. Amazon überwacht und will Kontrolle üben, indem es mich vorhersagt. Amazon wird an diesem Dilemma zerbrechen – oder mir endlich Random-Büchervorschläge unterbreiten. Das ist der einzige Weg!