Nächste Station

Jetzt schon den zweiten Tag in Riga und immernoch keine Fallschirmspringergeschichte. Dann wird's aber mal Zeit. Die kurze Version:

I. (im Folgenden Irma genannt) fragt mich über MSN, was ich von Fallschirmspringen halte und drei Tage später sitz ich zusammen mit 20 Esten vor dem Ausbilder und weiß nicht so recht, wohin mit den Gedanken. Fallschirmspringen, nicht Tandem, sondern allein. 1000 Meter, kaltes Wasser. Nach gerade einmal neun Theoriestunden, einem schriflichten und einem praktischen Test soll das möglich sein – aber ich verstehe kein Wort. Alles in Estnisch und Irma übersetzt nur jeden zehnten Satz. Ich werde natürlich trotzdem springen! Kann ja nicht so viel schief gehen. Immerhin habe ich die zwanzig Minuten, in der der Ausbilder von den Gefahren – insbesondere „Tod“ – sprach, intensiv mein Handy angeschaut und hin und wieder gegähnt, gelächelt oder fragend zu Irma geblickt, die mir nur versichert hat: Es geht immer noch ums Sterben.

Am Ende der ersten Übungseinheit geh ich zum Ausbilder und sage ihm, dass ich wisse, dass es Wahnsinn sei, was ich vorhabe, ich aber so rational wie verantwortungsbewusst bin und schon früh genug, gerade, falls ich die Truppe aufhalten sollte, die – haha – Rettungsleine und so weiter und so fort. Der Ausbilder hat dann einfach mit Irma geredet, weil er mich nicht verstanden hat. Ich dachte: Das war es. Aber es geht wohl trotzdem alles klar – oh Estland, gesegnet und gebenedeit unter den Großzügigen.

Drei Tage später, ich habe mich innerhalb weniger stunden durchs estnischen Fallschirmspringermanual gequält, bestehe ich überraschend die schriftliche Prüfung (Auf englisch, wenn's Grammatikprobleme gibt, soll's Irma übersetzen) und werde damit zur praktischen zugelassen. Hier wird getestet, ob der Schüler die Notfallprozedur, mittels der der Ersatzfallschirm ausfgelöst wird (aber nur über 600 Meter) im Schlaf beherrscht. Als ich im Gurt unter dem Fußballtor hänge, geht alles schief. Eigentlich wollte mich der Prüfer gar nicht testen, sollte ich lieber morgen auf dem Rollfeld machen, da verstünde eine so richtig gut englisch. Aber: OK, only one scenario for the feeling. Ich also hänge im Sprunggurt und verstehe den Prüfer nicht, er mich nicht und Irma ruft von hinten irgendwelche Übersetzungen durch die Luft – ich beschließe dann einfach, es sei Zeit für die Notfall-Prozedur und Prüfer meint: Good, you don't have to do this tomorrow, again. Fünf Minuten später bin ich stolzer Träger einer Fallschirmspringer-Lizenz für Instructor Aided Dive von 1000 Meter. Ich bin scheißenervös.

Per Anhalter nach Nurmsi zum Flugplatz. Der Fahrer hält irgendwann an, kennt sich nicht aus. Keine Menschenseele nirgendwo. Nur ein Pudel. Links und rechts Felder ohne Ende, dazwischen ein bisschen Wald und Strommasten. Und irgendwo schimmert etwas bunt und seltsam – muss ein Flugzeug sein. Wir also rauf auf den Feldweg, ich bange um den Transporter und plötzlich steht es vor uns – groß und grün und alt. Sehr, sehr alt. Eine Antonov-2, wie ich später herausfinden sollte. Irgendwas jenseits der 50 Jahre alt. Es windet stetig, die Sonne steht auf sechs Uhr und ein paar Leute falten Fallschirme. Alle anderen haben Angst.

Irma und ich legen unsere Sachen ab, informieren uns ein wenig, gesprungen wird auf jeden Fall. Einen Test über unsere Fähigkeiten gibt es doch nicht mehr. Uns wird deutlich anders, das Gespräch kommt auffällig auf dem Komplex Tod und Vergänglichkeit zur Ruhe. Wir schreiben Abschiedsbriefe, tauschen die Nummern unserer Liebsten aus. Die Unruhe und der Streit der letzten Tage – vergessen. Wir werden zwar gleich aus dem Himmel fallen, doch im Moment ist nichts näher als die Erde, alles dazwischen nicht der Rede wert. Einsamkeit…

Aus all den düsteren Gedanken reißt uns dann ein Ruf: Zum Sprung fertig machen! Fallschirmrucksack, wiegt vielleicht 20 Kilo, dazu Plastikbrille, Sturzhelm (in meinem Falle ein Rollerhelm) und Altimeter. Die Hosen klebe ich mir mit Gaffa-Tape (in Estland sagt man MacGuyver-Tape dazu) zusammen, von Irma leihe ich mir einen sehr französischen, sehr schwulen Pulli aus und höre noch schnell „Skydiver“ an, das Lied, das mir Jan noch am Abend zuvor geschrieben hat. Per SMS wünscht er mir, dass ich mir die Beine breche und er mich darauf im Krankenhaus zusammenschlagen kann – ein Akt, den wohl nur ich befürworten werden könne.

Aber dann ist das Flugzeug bereit, wir stellen uns der Reihe nach auf, Marco, Hüppemester überprüft nochmal die Ausrüstung und stellt den Notfall-Altimeter auf „Jump“ und dann rein ins Flugzeug. Hektik, Propeller drückt Luft und Abgas und wir dann über das Steigeisen rein in den engen Flugzeugbauch. Es riecht nach allem möglichen, mein Angstschweiß hat sich längst in eine stille Ecke verdrückt. Irma und ich sitzen nebeneinander – eigentlich wird nach Gewicht sortiert, aber ich bin der letzte der springen wird, Irma muss mir im Notfall alles übersetzen – und tut das auch. Achtung, Meduus fertig machen (ich fummel derweil verzweifelt am Helmgurt herum) und dann aufstehen, rumdrehen, mit der Linken am Geländer, der rechten Hand mitsamt Meduus an der Hüfte dann auf den Hüppemester warten, bis er dich am Genick und die die Meduus in die Hand nimmt und zur Tür zieht „To the door!“. Dann in die Tür reinstehen, unten zieht eine Fototapete vorbei und der Flugzeugmotor pustet mit 180 Stundenkilometer Luft ins Gesicht: „Valmis?“ – „I‘m ready!“ … und dann der Sprung.


Auf dieses Bild bin ich ja tierisch eifersüchtig

Ich bin dann irgendwann mit dem Zählen bis fünf (so das Lehrbuch) bei 10 angelangt und der Schirm war perfekt und offen. Keine Panik, keine Angst. Vielleicht, weil es so surreal war, vielleicht, weil ich mich die letzten drei Tage praktisch mit nichts anderem beschäftigt habe, als dem Sprung. Rechte Steuerleine – funktioniert. Linke Steuerleine – funktioniert. Beide gleichzeitig – bremst. Und jetzt? Ich kreise ein wenig durch die Luft und versuche mich zu orientieren. Aha, da unten das Flugfeld – mit dem Rasenmäher hat jemand SLK in das Gras geschrieben – da der Wald und dort die Straße. Und dann seh ich die Sonne. Jeder Beschreibung spottend, hat da einmal Natur kurz dem Finger gezuckt und gezeigt, dass ihr Kitschigkeit und Stil so ziemlich egal sind. Sonnenuntergang superdeluxe mit rosa und lila Wolken und milder Riesensonne und türkisenem Multicolor-Himmel. Und das Beste: der Wind bläst aus der gleichen Richtung: Landung in den Sonnenuntergang bedeutet das!

Alles geht klar – schnelle Landung, ich rolle ab, der Schirm ist zusammen und ich schreie ein paar Mal sowas wie „Yeehaw“ oder „Hhhua“ oder „Aaaaahhhhahahahaa.“ Mund staubtrocken und sauer, Körper prall gefüllt mit Energie, die gar nicht weiß wohin. Hüpfen, Schirmzusammenklauben und so breit grinsen, wie es Muskeln auf Vollrausch eben hinkriegen. Wieder im Basecamp angelangt dann aber der Schrecken – Irma ist nicht da! „Ich wollte nicht abstürzen.“ Kann an nichts anderes denken. Gehe zum Hüppemester – der ruft, fragt, ordert einen Suchtrupp – mit dem Auto, von dessen Dach ich noch eine halbe Stunde zuvor Abrollübungen machte, fahren wir einmal um den Wald, ich rufe und schreie, Irma nimmt das Telefon nicht ab. Wieder zerrissen von Adrenalin-Egoismus und großer Angst um Irma. Dann nimmt sie endlich ab – ihr Telefon hat sich in der Hose verheddert, sie spreche über Freisprecheinrichtung, ihr gehe es gut, sie laufe zum Flugplatz. Wir finden sie dann endlich, weit, weit über das Ziel hinausgeschossen – aber glücklich. Sie habe die Sonne gesehen und dann habe es sie einfach mit hinausgenommen.

Am nächsten Tag habe ich noch zwei weitere Sprünge. Und wie versprochen war der zweite Sprung der schlimmste. Plötzlich kann man die Lage ein wenig einschätzen, weiß, wie es zu sein hat. Und wie es zu sein hat, ist eigentlich ganz klar: mehr Sprünge, viel mehr Sprünge!